Verhaltenstipps

Hinweise für Angehörige

Frau blickt durch Fenster mit Regentropfen

Damit der Blick fürs Wesentliche nicht verschwimmt, ist es wichtig, Ruhe zu bewahren

Bild: iStockphoto / evgenyatamanenko

Wie sollen Sie sich verhalten, wenn ein Angehöriger oder Bekannter Mitglied einer sektiererischen Gruppe geworden ist? Besonnenheit ist gefragt.

Bevor Sie aktiv werden, sollten Sie sich auf jeden Fall informieren. Wie beispielsweise im folgenden Fall: Ihre Tochter ist in der Fußgängerzone angesprochen worden - das Gespräch vermittelt ihr eine völlig neue Sicht der Dinge, sie plant ihr Leben umzukrempeln. Ihr volljähriger Sohn kehrt aus den Semesterferien nicht mehr an seinen Studienplatz zurück. Nachfragen ergeben, dass er bei einer neuen Gruppe ein Bewusstseinstraining macht. Kurz darauf bricht er sein Studium ab.

Wie sollen Sie sich verhalten, wenn eine Angehörige, ein Freund oder eine Bekannte Mitglied einer sektiererischen Gruppe geworden ist? Für diese Frage gibt es kein Patentrezept. Denn jeder erwachsene Mensch trifft seine eigenen Entscheidungen.

Rein formell hat sich der oder die Betroffene freiwillig dafür entschieden, sich einer sektiererischen Gemeinschaft anzuschließen - auch wenn Sie den Eindruck haben, dass dieser Schritt manipuliert wurde. Doch sie oder er sieht das meist anders und versteht nicht, warum das bisherige soziale Umfeld diese Entscheidung nicht nachvollziehen kann.

Während sich das Mitglied der Gruppe glücklich oder zumindest zufrieden fühlt, machen sich vor allem Verwandte große Sorgen. Das Gruppenmitglied, seine Verwandten und Freunde leben sich auseinander, man versteht sich nicht mehr. Was also können Sie in dieser scheinbar ausweglosen Situation tun? Wir geben einige Hinweise, die unserer Erfahrung nach immer wieder hilfreich waren.

Bewahren Sie Ruhe

Bewahren Sie Ruhe und üben Sie sich in Geduld. Vermeiden Sie Panik, lassen Sie sich nicht von unkontrollierten Gefühlen zu Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen hinreißen. Prüfen Sie die Situation genau. Setzen Sie sich nicht selbst zusätzlich unter Druck, zum Beispiel, indem Sie von sich erwarten, den beziehungsweise die Angehörige befreien oder gar retten zu müssen. Das können Sie nicht. Es ehrt Sie und macht Sie liebenswert, dass Sie diesen Wunsch hegen. Aber aus unserer langjährigen Beratungstätigkeit wissen wir, dass sich erwachsene Menschen nur selbst ändern können. Hingegen ist es Ihre Aufgabe, sich selbst und Minderjährige, für die Sie verantwortlich sind, zu schützen.

Informieren Sie sich gut

Bei sektiererischen Gruppen ist es für die Angehörigen sehr wichtig, sich schnell und umfassend über die jeweilige Gruppe zu informieren. Infomaterial bekommen Sie im Buchhandel, in Bibliotheken, bei Beratungsstellen oder Behörden.

Signalisieren Sie Vertrauen

Spielen Sie mit offenen Karten, unterlassen Sie heimliche Aktivitäten. Die oder der Betroffene muss sicher sein können, dass Sie nichts tun, was Misstrauen verursacht. Deshalb vermeiden Sie unbedingt, zum Beispiel seine oder ihre Post zu öffnen (das ist übrigens strafbar) oder im Tagebuch zu lesen.

Halten Sie den Kontakt aufrecht

Zeigen Sie neugieriges Interesse am alltäglichen und am religiösen Leben der/des Betroffenen. Suchen Sie nach Gesprächs- und Begegnungsmöglichkeiten außerhalb der "Sektenthematik". Nur wenn Kontakt besteht, können Sie Ihre Fragen und Anmerkungen anbringen. Nehmen Sie unbeschadet Ihres Bemühens um eine entspannte Grundatmosphäre eine klare Position ein. Machen Sie Ihre grundsätzlich kritische Meinung zu der sektiererischen Gruppe und ihrer Ideologie deutlich. Verbitten Sie sich Werbevorträge. Zeigen Sie Ihre Zuneigung. Sagen Sie ihm beziehungsweise ihr, dass Ihre Liebe und Ihre Solidarität unabhängig von den bestehenden Meinungsverschiedenheiten sind.

Zeigen Sie emotionale Zuwendung

Bringen Sie Ihrer Freundin oder Ihrem Freund so viel emotionale Zuwendung wie möglich entgegen. Signalisieren Sie Ihre Aufmerksamkeit und Bereitschaft, für sie oder ihn da zu sein.
Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie sich aus Liebe engagieren und dass diese Bindung unabhängig ist von der aktuellen Situation.

Reden Sie mit Fachleuten

Sie müssen diese Situation nicht allein durchstehen oder meistern. Suchen Sie Verbündete, auch solche, die in dieser Situation, unbelastet von familiärer Nähe, noch ganz andere Möglichkeiten haben können zu hinterfragen. Ziehen Sie Freunde, Verwandte, Fachleute zu Rate. Nehmen Sie Kontakt zu einer Beratungsstelle auf. In der Anfangsphase kann genaue Information durch Fachleute noch viel bewegen.

Vermeiden Sie "Deprogramming"

Vorsicht ist geboten bei vermeintlich "professionellen" Helfern, die versprechen, gegen Geld und mit teilweise rechtswidrigen Methoden - etwa eine Entführung aus der Gruppe - Ihre Freundin oder Ihren Freund beziehungsweise Ihre(n) Angehörige(n) zurückzuholen. Nicht nur die deutschen Elterninitiativen haben schon vor Jahren vor dem so genannten Deprogramming gewarnt, mit dem bei Betroffenen die erfolgte sektiererische "Gehirnwäsche" respektive Bewusstseinskontrolle gegen deren Willen - unter Mitwirkung von Gruppenaussteigern - rückgängig gemacht werden soll.

Deprogramming: "Befreien" aus der Gruppe durch physische und psychische Zwänge.

Weitere wichtige Hinweise

Weitere wichtige Hinweise

Legen Sie eine Dokumentation an

Dokumentieren Sie die Entwicklung schriftlich. Es ist sinnvoll, sich eine Mappe anzulegen, in der man Informationen sammeln und Gesprächsnotizen festhalten kann. Schreiben Sie alle Namen, Anschriften, Telefonnummern und weitere Daten auf, die in Verbindung mit dem Engagement Ihrer Angehörigen oder Ihres Freundes in der jeweiligen Gruppe stehen. Mit dieser "Erinnerungsstütze" zur Sachverhaltsklärung ist dann auch das Gespräch mit Fachberatern effektiver.

Geben Sie keine Originale aus der Hand

Geben Sie möglichst keine Originaldokumente aus der Hand (Zeugnisse, Urkunden et cetera). Pfarrämter und öffentliche Behörden - etwa die Finanzämter - sowie die gesetzlichen Krankenkassen sind gern bereit, Kopien vom Original zu beglaubigen.

Pflegen Sie eine entspannte Atmosphäre

Halten Sie in jedem Fall den Kontakt mit der oder dem Betroffenen aufrecht. Reden Sie bei Treffen nicht dauernd über das Leben in der Gruppe. Sprechen Sie vielmehr über angenehme Dinge, zum Beispiel gemeinsame Hobbies, positive Kindheitserinnerungen, Familie oder gute Musik.

Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen

Es bringt nichts, Zuneigung oder positives Interesse vorzutäuschen. Lassen Sie sich nicht darauf ein, selbst in die sektiererische Gruppe einbezogen zu werden. Seien Sie vorsichtig bei Einladungen zu "Elternveranstaltungen" oder "Kennenlernveranstaltungen". Deren Ziel ist es ausschließlich, auch Sie für die Gruppe zu gewinnen.

Wenn Sie dennoch eine Gruppenveranstaltung besuchen wollen: Gehen Sie nie allein oder nur mit der oder dem Betroffenen dorthin.

Erforschen Sie die Motive

Finden Sie ihre oder seine Gründe und Motive für die Gruppenbegeisterung heraus. Nehmen Sie diese ernst. Würdigen Sie die Motive.

Kritisieren Sie nicht pauschal

Kritisieren Sie Ihre Freundin oder Ihren Angehörigen nicht pauschal und frontal, verurteilen Sie sie oder ihn nicht und versuchen Sie nicht, den Abbruch des Gruppenkontaktes zu erzwingen. Dies würde mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit eine weitere Distanzierung zur Folge haben.

Wenn Sie Kritik äußern, dann benennen Sie konkret Beispiele der Arbeitsweise oder der Lehre der Gruppe, wie Sie sie wahrgenommen haben

Sprechen Sie Kritik als Sorge aus

Formulieren Sie Ihre Kritik nicht als Vorwurf, sondern schildern Sie eigene Beobachtungen, Empfindungen und Sorgen. Bilden Sie Ich-Sätze statt Du-Sätze: "Ich fühle mich dadurch beengt", statt "Du bist unfrei". Was erleben Sie jetzt anders, schlechter, beengter als früher? So sorgen Sie für sich selbst und bewahren Schutzbefohlene vor möglichen Gefahren. Denn es ist nicht Ihre Aufgabe, die volljährige Gesprächspartnerin/den volljährigen Gesprächspartner zu ändern oder gar aus dem Einflussbereich einer sektiererischen Gruppe zu retten.

Verweigern sie finanzielle Zuwendungen

Machen Sie keine finanziellen Zuwendungen wie etwa Geldgeschenke, persönliche "Darlehen" oder die Zahlung einer Aussteuer. Leisten Sie keine Bürgschaften. Das Geld fließt vermutlich in die Kassen der Gruppe. Instruieren Sie Ihre Verwandtschaft und den Freundeskreis dementsprechend. Unter Umständen ist es auch erforderlich, sich über vermögensrechtliche und erbrechtliche Konsequenzen zu informieren, da viele Gruppen erhebliche Summen von ihren Mitgliedern fordern. Schenken Sie statt dem erbetenen Geld persönliche Dinge, die Sie liebevoll aussuchen.

Andere haben ähnliche Probleme

Machen Sie sich klar, dass andere Familien ähnliche Probleme haben wie Sie - ganz unabhängig vom sozialen, kulturellen und religiösen Hintergrund. Suchen Sie Kontakt mit betroffenen Angehörigen. Oft hilft es schon, Gesprächspartner zu finden, die durch ähnliche Erfahrungen Verständnis für Ihre Situation aufbringen können; die wissen, worum es geht, und die Ihnen eventuell einen Tipp aus eigener Erfahrung mitgeben können. Oder schließen Sie sich einer Eltern- oder Betroffeneninitiative an. Die Beratungsstellen vermitteln Ihnen die Kontakte. Hier lernen Sie gleichermaßen Betroffene, vielleicht auch ehemalige Mitglieder kennen, die es geschafft haben, sich von sektiererischen Gruppen zu lösen.


31.03.2016 / bayern-evangelisch.de/PÖP